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Theoretische Weltraum und Astrophysik
Lehrstuhl für Theoretische Physik IV -- Prof. Dr. Reinhard Schlickeiser
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Theoretische Weltraum- und Astrophysik


Plasmaphysik



Plasmen sind teilweise oder vollständig ionisierte Gase, deren Dichte- und Temperaturbereiche sich über mehrere Grössenordnungen erstrecken (siehe Abbildung 1).
Abb. 1: Typische Dichte- und Temperaturbereiche für kosmische und terrestrische Plasmen.
In Hochtemperaturplasmen, wie sie oft in der Weltraum- und Astrophysik anzutreffen sind, sind die meisten, das Plasma konstituierende Teilchen von einfacher Natur, nämlich einzelne Elektronen und positiv geladene Ionen. Erst in den letzten Jahren hat sich ein tiefergehendes Verständnis von Niedertemperaturplasmen mit komplizierterer Zusammensetzung entwickelt. Dies ist motiviert durch das wachsende Interesse an sogenannten Staubplasmen, die in vielen kosmischen als auch terrestrischen Szenarien auftreten: Sternentstehung, planetare Ringsysteme (siehe Abb. 2) oder Mikrochipherstellung, erfordern alle ein Verständnis des Einflusses einer Staubkomponente im Plasma auf dessen Verhalten. Die involvierten Prozesse werden im Rahmen der Physik von Mehrkomponentenplasmen, für die Stösse gegebenenfalls nicht vernachlässigt werden können, der Oberflächenphysik oder der Physik der kondensierten Materie behandelt.
Neuere Experimente haben gezeigt, dass in Plasmen eingebettete Staubteilchen negativ geladen sind und eine Tendenz zu Dampf-Flüssigkeits-Phasenübergängen und auch der Bildung von Kristallstrukturen zu haben (siehe Abb. 3).
Abb. 2: Plasmaumgebungen mit einer nicht vernachlässigbaren Staubkomponente: Das Sternenstehungsgebiet NGC 2024, die Saturnringe.

Die Bildung solcher regelmässigen Anordnungen ist angesichts der gleichen Ladung der Staubteilchen verblüffend und schwer verständlich. Gegenwärtig vermutet man die Ursache in kollektiven Effekten, wie z.B. Staub-Schallwellen oder Staub-Gitterwellen, die eine grosse Anzahl von Teilchen zwingen sich in kohärenter, gleicher Weise zu verhalten. Diese Effekte zeigen Ähnlichkeit zur Bildung von sogannten Cooper-Paaren, also Elektronenpaaren beim Phänomen der Supraleitung, sind aber durchaus noch nicht im Detail verstanden, bleiben also aktueller Forschungsgegenstand.
Abb. 3: Beispiel der dreidimensionalen Struktur eines kristallisierten Staubplasmas.

Neben diesen durch Wellen bedingten Phänomenen wird am Lehrstuhl auch die Physik von Plasmawellen und deren Wechselwirkung mit den Plasmakonstituenten behandelt. Die sogenannten Transportparameter in einem Plasma, die z.B. die Diffusion der Teilchen im Orts- und Impulsraum bestimmen, sind entscheidend von der Zusammensetzung der Wellenfelder abhängig. Umgekehrt wirkt aber das kollektive Teilchenverhalten auch zurück auf die Wellenfelder.
Um das in vieler Hinsicht komplexe Problem einer vollständig konsistenten Beschreibung zunächst zu umgehen, wird die Welle-Teilchen-Wechselwirkung im Testteilchen- bzw. im Testwellenbild untersucht.
Die Testteilchenrechnungen, bei denen die Rückwirkung der Teilchen auf die Wellen vernachlässigt wird, zeigen, dass für viele Szenarien in der Weltraum- und Astrophysik eine möglichst genaue Kenntnis der im Plasma existierenden Wellenmoden wichtig ist, um das Verhalten der Teilchenpopulationen im Phasenraum zu verstehen. Die Testwellenrechnungen hingegen demonstrieren die Wichtigkeit einer korrekten speziell-relativistischen Behandlung der Wellenanregung, -ausbreitung und -dämpfung.
Diese teils analytischen, teils numerischen Rechnungen werden zunächst allgemein, d.h. nicht allein im Hinblick auf ihre Anwendung auf kosmische Plasmen entwickelt. Auf diese Weise bleiben die daraufhin formulierten Modelle überprüfbar, denn sie sollten in vielen Aspekten nicht nur für die einer direkten Beobachtung nicht oder nur sehr schwer zugänglichen astrophysikalischen bzw. heliosphärischen Plasmen, sondern auch für Laborplasmen Gültigkeit haben.

 
 
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Letzte Änderung: 10.05.2003 | Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik
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